Es fehlen uns die Vorbilder

Die Therapeutin Rita Messmer befasst sich seit vielen Jahren mit der Reinlichkeit von Kindern und der Problematik von Windeln. Das fortgeschrittene Alter der heutigen Windelträger lässt sie aufhorchen.

FAOUG Die Migros bietet für
Mädchen und Jungen im Alter
von acht bis fünfzehn Jahren
passende Windeln an. Eine
Entwicklung, die Rita Messmer,
Therapeutin und Autorin
aus dem waadtländischen
Faoug,
dem Unwissen über den
biologischen Ursprung sowie
der Wirtschaft zuschreibt.
Die richtige Vernetzung
In ihrem Buch «Ihr Baby
kann’s!» beschäftigt sich die
ehemals in Düdingen wohnhafte
Rita Messmer mit den intensiven
Lernprozessen eines
Kindes und damit, wie die Eltern
diese fördern können (die
FN berichteten). «Die Biologie»,
so Messmer, «hat einen genetischen
Entwicklungsplan.» So
müsse ein Kind wichtige Impulse
zur richtigen Zeit im Gehirn
vernetzen, damit keine
Fehlentwicklung entstehe. Der
richtige Zeitpunkt der Reinlichkeit
beschreibt Messmer als
eine «sensible Phase», welche
während den ersten drei Monaten
im Leben eines Menschen
stattfinde. Diese Periode sei
entscheidend für die Entwicklung
eines Babys, da der Impuls
«urinieren zu müssen» korrekt
mit dem Reiz «Wasser zu lassen
» verbunden werden müsse.
Während dieser Periode erlerne
das Baby, wie es seine Ausscheidungen
kontrollieren könne.
«Die Mutter muss dieses Signal
beim Kind erkennen und es
über die Toilette halten, damit
der Impuls im Gehirn korrekt
mit dem Gang auf die Toilette
vernetzt wird, und eben nicht
mit der Windel.»
Wenn die Signale nicht immer
erkannt würden und etwas
in die Windel gehe, sei
dies nicht gravierend. «Das Baby
empfindet dies als unangenehm.
Genetisch ist es so gesteuert,
dass es nicht in seinen
Ausscheidungen liegen will.»
Doch sei ein Kind das tägliche
Tragen einer Windel gewohnt,
sieht Messmer die Gefahr einer
falschen Vernetzung: «Ein
Kind, welches bei mir in die
Therapie kommt, beschrieb
das Urinieren in die Windel sogar
als angenehm, weil es sich
warm anfühle. Diese Verknüpfung
im Gehirn ist schwer zu
lösen.»
Die heutigen Windeln sind
sehr saugstark, allerdings kann
sich aber diese Qualität auch
als kontraproduktiv entpuppen:
Die Spuren des Urinierens
verschwinden im Nu, kein unangenehmer
Reiz wird an das
Babygehirn gesendet. «Die Gefahr,
dass das Kind seine Windeln
bis ins fortgeschrittene
Alter trägt, wird dadurch noch
grösser.»
Wirtschaftliche Aspekte
«Kennen Sie ein Bild von
einem Baby ohne Windel?»
Messmer ist überzeugt, dass
uns die Vorbilder fehlen, weil
uns meist ein Kind mit Windeln
als gewöhnlicher erscheint
als ein Baby in Unterhosen.
«Pampers von Procter
& Gamble (P&G) versuchen alle
Märkte zu erreichen, um ihren
Profit zu steigern, und sind
sich dabei nicht bewusst, eine
Kultur zu zerstören.» In China
wollte das Windelgeschäft gut
zehn Jahre lang nicht florieren,
bis P&G die Marketingstrategie
an die chinesische Kultur
anpasste. Dort sind Kinder
traditionell gewohnt, Unterhosen
anstelle von Windeln zu
tragen; deshalb fand das Argument
der Saugkraft bei den
Müttern nicht Anklang. Ihnen
liegen aber besonders die Entwicklung
und die hohe Intelligenz
ihres Kindes am Herzen.
Eine neue Pampers-Kampagne
versprach den Müttern deshalb
eine reibungslose Entwicklung,
weil das Kind dank der
saugstarken Windel die Nacht
durchschlafen könne.
Doch die Kulturen, in welchen
ein Kind die Reinlichkeit
ohne Windeln erlerne, gebe
es noch immer, bekräftigt
Messmer: «70 Prozent der Weltbevölkerung
brauchen noch
heute keine Windeln für ihre
Kleinsten, beispielsweise in
Vietnam, Afrika, Zentral- und
Südamerika.» Für Messmer ist
wichtig, dass die Eltern sich bewusst
werden, was sie bei ihren
Kindern anrichten, wenn sie in
den Entwicklungsperioden falsche
Prägungen im Kindergehirn
speichern lassen.
Die Gesellschaft sensibilisieren
Messmer plädiert für eine
Sensibilisierung der Gesellschaft
durch öffentliche Institutionen,
und dies schon während
der Schwangerschaft. Die
Unterstützung der Lernprozesse
eines Kindes durch die
Eltern müsse beispielsweise
in die Ausbildung der Hebammen
einfliessen, damit diese
ihr Wissen weitergeben könnten.
Doch auch bei Kindern, die
schon länger Windeln tragen,
müsse man reagieren, findet
Messmer. Wenn Kinder in den
Kitas und Schulen nicht mehr
von der Windel loskommen,
muss dies laut Messmer von
den Betreuerinnen und Betreuern,
Lehrerinnen und Lehrern
ernstgenommen werden. «Um
dem Kind zu helfen, sollten die
Verantwortlichen mit den Eltern
zusammen nach einer Lösung
suchen und sie eventuell
auch über mögliche Therapien
aufklären, um die Reinlichkeit
zu erlernen.»
Familien mit Langzeit-Windelträgern
rät Messmer zu Geduld
und Verständnis. «Wir
als Eltern können von einem
Kind beispielsweise auch
nicht verlangen, Spanisch zu
reden, wenn es doch eigentlich
Schweizerdeutsch gelernt
hat. Wir versetzen das Kind
in eine unheimliche Stresssituation,
denn es kennt doch
nur Schweizerdeutsch.»
Die Reinlichkeit soll laut Rita Messmer vom ersten Tag an geübt werden. Bild Beatrice Zaugg/zvg
«70 Prozent der
Weltbevölkerung
brauchen noch
heute keine
Windeln für ihre
Kleinsten.»
Rita Messmer
Autorin

Freiburger Nachrichten
11.08.2017
Jocelyne Page