Zehn Minuten für die Intelligenz

Rita Messmer gibt in ihrem neuen Buch "Mit kleinen Kindern lernen lernen" Tipps, wie ein Kind bereits vor dem ersten Lebensjahr gefördert und seine Lernfähigkeit gezielt gesteigert werden kann.

Rita Messmer gibt in ihrem neuen Buch «Mit kleinen Kindern lernen lernen» Tipps, wie ein Kind bereits vor dem ersten Lebensjahr gefördert und seine Lernfähigkeit gezielt gesteigert werden kann. Rita Messmer setzt sich für die frühe Intelligenzförderung bei Kindern ein. Rita Messmer: „Ich weiss, dass Intelligenz bei uns negativ bewertet wird. Daran sind unsere Schulerfahrungen schuld.“ INTERVIEW: PETRA WESSALOWSKI FOTOS: JURG WALDMEIER Schweizer Familie: Wie viel Zeit müssen Eltern aufwenden, um ihrem Kind das Lernen beizubringen? Rita Messmer: Meine Vorschläge nehmen wenig Zeit in Anspruch und lassen sich gut in den Alltag integrieren. Fünf bis zehn Minuten pro Tag genügen. SF: Was kann man in dieser kurzen Zeittun? Messmer: Ich spreche jetzt nur das Lesen und Rechnen an, denn es gibt noch viele andere Bereiche und Stimulationsmöglichkeiten. Mit einem wenige Monate alten Baby kann ich während der Babymassage bereits zu rechnen beginnen.Anstatt zu sagen «Das ist der erste, der Daumen, der schüttelt die Pflaumen»und so weiter, sage ich: «Das ist der erste Daumen, der schüttelt die Pflaumen, der zweite hebt sie auf...» Zahlen können recht einfach in den Alltag integriert werden, und das Kind nimmt sie auf. SF: Wann beginnei~ Sie mit dem Lesen? Messmer: Da würde ich so lange zu warten, bis das Baby auf Zeichnungen reagiert. Das ist zwischen dem fünften und zwölften Monat der Fall. Es genügt dann, unter den gezeichneten Begriff das entsprechende Wort zu schreiben. Gleichzeitig sagt man dem Kleinkind, dass die Zeichnung und das Wort dasselbe bedeuten. So wird das Hirn stimuliert, und die Vernetzung beginnt. SF: Warum eigentlich sollen Kinder schon vor dem ersten Lebensjahr lesen lernen? Messmer: Man weiss, dass bis zum Alter von drei Jahren das Hirn aufgebaut wird. Lernen regt die Hirntätigkeit an. Das Hirn wird vernetzt, und die Kinder werden intelligenter. Sie können sich auf diese Weise später weiteres Wissen, sei es nun schulisches oder allgemein, einfacher aneignen. Die Fähigkeit zu lernen wird immer wichtiger. Wenn Kinder gewisse Dinge im «richtigen» Alter lernen, fällt es ihnen ungemein leichter. SF: Wieso sollen denn alle so intelligentwerden? Messmer: Ich weiss, dass Intelligenz bei uns negativ bewertet wird. Das ist nicht richtig und hängt direkt mit unseren Schulerfahrungen zusammen. Wir mussten fast alle etwas lernen, was uns nicht interessierte, und in einer Art und Weise, die uns nicht entsprach. Lernen muss neu interpretiert werden. Es ist doch schön, wenn ich etwas weiss. Wissen macht den Menschen aus. Und jedes Kind muss sich sein eigenes Wissen aufbauen und es auch anderen Kindern mitteilen können. Viele Lehrer können das aber nicht zulassen. SF: Erwachsene behindern also kindgerechtes Lernen. Messmer~ Ja. Es ist ein ewiger Kampf gegen die eigenen Erziehungsmuster. In den ersten drei Jahren unseres Lebens saugen wir wie ein Schwamm alles in uns auf. Diese Erfahrungen stehen uns später zur Verfügung. Wenn wir schlechteErfahrungen gemacht haben, müssen wir uns dessen erst einmal bewusst werden und unser Verhalten ändern. SF: Das ist nicht einfach. Messmer: Als Erstes sollte man seine Schuldgefühle über Bord werfen. Die nützen weder einem selbst noch dem Kind. Man muss seine Erfahrungen akzeptieren und dann versuchen, es besser zu machen. Dabei ist es wichtig, sich selbst zu vertrauen und sich nur kleine Schritte vorzunehmen. SF: Angenommen, Erziehende befolgen Ihre Tipps und das Kind kann bereits lesen, wenn es in die erste Klasse einer staatlichen Schule kommt. Wird es da nicht unterfordert und frustriert? Messmer: Diese Gefahr besteht tatsächlich. Es ist komisch, dass diese Frage immer wieder gestellt wird. Das Zielwäre doch, so weit zu kommen, dass diese Frage überflüssig wird. Wofür ist denn die Schule da? Doch wohl für die Kinder. Oder sollen die Kinder einfach die Institution Schule füllen? Da muss sich unbedingt etwas ändern. Und es tut sich auch bereits etwas. Der Druck von aussen, seitens der Eltern und Schüler, wird immer grösser. SF: Müssten die Kinder früher eingeschult werden? Messmer: Ja, und zwar schon aus sozialen Gründen. Die Kinder wachsen heute viel isolierter auf, da sie meist keine oder nur ein Geschwister haben. In Neuseeland, wo wir einige Zeit gelebt haben, besuchen schon zweijährige Kinder die so genannte Nursery School. Das ist eine Art Vorschule, wie man sie im ganzen angelsächsischen Raum oder auch in Frankreich kennt. Dort treffen sie auf andere Kinder, was für ihre Entwicklung äusserst wichtig ist. Die Betreuerinnen nehmen sich viel Zeit und fördern die Kinder SF: Welche Schule besuchen denn Ihre drei Kinder? Messmer:Ich werde immer wieder gefragt, wieso wir unsere Kinder nicht in eine private Schule schicken. Doch ich tue das bewusst nicht, obwohl ich gerade die Montessori-Schule für vorbildlich halte. Mein Bestreben liegt darin, dass die staatlichen Schulen ebenso kindgerecht werden.

Schweizer Familie
6. Januar 2000
Petra Wessalowski