Die Helden von morgen

Niemand wird als perfektes moralisches Wesen geboren. Eltern können ihren Kindern helfen, starke Persönlichkeiten zu werden, die auch auf andere achten. Buchautorin Rita Messmer weiss wie.

Nehmen wir an, die heutige Welt sei ein Dschungel. Müsste man seine Kinder nicht eher auf diese Realität vorbereiten, als ihnen altruistisches Handeln beizubringen? Rita Messmer: Tatsächlich ist es für Eltern, die sich um die Vermittlung ethischer Werte bemühen, oft frustrierend, was ihre Kinder dann ausser Haus erleben. Kinder reagieren aber sehr verständig, wenn man ihnen erklärt, warum sich jemand negativ verhält. Und man muss ihnen klar machen, dass sich Fairness und Rücksicht lohnen, auch wenn es im Moment anders scheint. Aber ein wenig Ellbogen braucht es schon. Messmer: Es gibt solche Situationen, und man soll dies dem Kind auch vermitteln. Es macht auch nichts, wenn das Kind mit anderen wettstreitet oder mal in eine Balgerei verwickelt ist. Aber es soll wissen, dass es Grenzen und Spielregeln der Fairness gibt. Sie zeigen detailliert auf, dass das ethische Verständnis stark altersabhängig ist. Wann kann man als Eltern mit der Vermittlung solcher Werte beginnen? Messmer: Die Entwicklung führt von völliger Ichbezogenheit zur Akzeptanz von Werten der Fairness. Wobei diese Akzeptanz zuerst auf der Autorität von Eltern und anderen Instanzen basiert und erst später auf selbständiger ethischer Überzeugung. Es ist klar, dass ein Säugling nur sich selbst und die eigenen Bedürfnisse wahrnimmt. Ihm sollte man primär Liebe und Geborgenheit zukommen lassen. Aber es schadet nicht, etwa das beliebte Löffelfallenlassen-Spiel mal zu beenden und den Löffel liegen zu lassen. Auch bei Kleinkindern ist Empathie zu viel verlangt. Aber durch Ich-Botschaften kann man Grenzen aufzeigen. Zum Beispiel? Messmer: Kleinkinder sind von Natur aus programmiert, ihre Welt zu entdecken. Wenn man aber Grenzen ziehen muss, ist eine Aussage wie «Ich habe Angst, dass du dich verletzt, wenn du da herumkletterst» besser als ein kategorisches Nein. Ich meine aber, dass man als Eltern tolerant sein soll. Wenn ein Kind einen Turm aufbaut und wieder einreisst, heisst das nicht, dass es destruktiv ist. Es dient seiner Entwicklung. Dieser soll man Rechnung tragen und nicht nach eigenen inneren Verhaltensmustern reagieren. Solche Muster sind oft auf die eigene Kindheit zurückzuführen. Muss man selber also den Psychiater konsultieren? Messmer: Man muss diese Muster nicht tief schürfend analysieren. In der Regel erkennt man sie leicht: Wenn man auf eine Art reagiert hat, die man an sich selber eigentlich gar nicht schätzt, steckte sicher ein Muster dahinter. Anschreien und schlagen gehören oft dazu. Aber wie kann man solches verhindern, wenn es mit einem durchgeht? Messmer: Indem man sich auf Situationen mental vorbereitet. Man sagt sich: «Auf diese Art will ich nicht mehr reagieren.» Dann stellt man sich gedanklich vor, wie es das nächste Mal ablaufen soll. Der Rest ist Übung, und man darf sich - wenn es gelungen ist - ruhig auch mal selber auf die Schultern klopfen. Sie schreiben, dass Männer sich häufiger nach Mustern verhalten als Frauen. Wieso? Messmer: Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass Männer genauso gut erziehen könnten wie Frauen. Aber sie haben eher das Gefühl, dominieren zu müssen. Sie stellen ihr Handeln und sich selber weniger in Frage, weil sie glauben, immer wissen zu müssen, was richtig ist. Sie bestreiten vehement den pädagogischen Sinn von Belohnung und Bestrafung. Messmer: Dieser Mechanismus ist der Grund für viele Probleme, gerade weil unsere Gesellschaft stark nach diesem System funktioniert. Die Belohnung unterwandert die eigenen Motive des Kindes, sich gut zu verhalten. Bei der Bestrafung ist es ähnlich, das Kind lernt, in erster Linie sich so zu verhalten, dass es Strafe vermeidet. Zudem nimmt ein bestraftes Kind Folgendes zur Kenntnis: «Der Erwachsene kommt mit einer Situation nicht klar und reagiert durch eine aggressive Handlung.» Und es nimmt unser Verhalten zum Vorbild. Aber wie lernt das Kind zu gehorchen? Messmer: Ein Kleinkind kann noch nicht wirklich gehorchen. Ausser seinem inneren Auftrag, die Welt zu entdecken. Später ist es möglich, dem Kind durch Ich-Botschaften klar zu machen, dass es das, was es selbst nicht gerne erleiden würde, anderen nicht antun sollte. Das ist ein erster Schritt zu Empathie. Sinnvoll ist es, das Kind die Konsequenzen seines Handelns spüren zu lassen. Wenn es beispielsweise etwas ausleert, soll man es selber putzen lassen. Das fördert das Verantwortungsgefühl, aber auch Selbstvertrauen im Sinne von «Ich kann das». Und wenn ein Kind am Morgen trödelt und zu spät in die Schule kommt, soll es selber dafür geradestehen. Sie treten für die Eigenverantwortung des Kindes ein, unterscheiden da aber zwischen Materiellem und Immateriellem. Messmer: Konsumgüter wie bestimmte Spielsachen, Süssigkeiten oder auch Fernsehen sind für die Entwicklung des Kindes nicht nötig. In solchen Dingen ist es richtig, Grenzen zu setzen, weil Kinder gerade heute durch die Flut des Angebotes überfordert werden. Diese Grenzen und Regeln sollten unbedingt eingehalten werden, weil sie für das Kind Verlässlichkeit und damit Vertrauen bedeuten. In anderen Bereichen aber ist die kindliche Selbstwahrnehmung Ernst zu nehmen. So sollte man Kinder nicht zum Essen zwingen, sondern schauen, dass das Angebot an gesunder Nahrung vorhanden ist. Ein Kind ist auch durchaus mal in der Lage, selber zu beurteilen, ob es warm genug angezogen ist. Die Erfahrung zeigt, dass Kinder, denen man so etwas zutraut, auch eher bereit sind, die Meinung der Eltern zu erfragen. Trotz Eigenverantwortung gibt es immer wieder Situationen, wo man als Eltern eingreifen muss. Wie soll man das tun? Messmer: Zu vermeiden sind verletzende Worte. Vor allem solche, die das Kind pauschal verurteilen. Statt eines Vorwurfs kann man die Situation beschreiben. Nicht: «Jetzt hast du schon wieder deine Jacke auf den Boden geworfen.» Sondern: «Deine Jacke liegt auf dem Boden.» Dies gilt auch bei Konfliktsituationen. Man könnte sagen: «Ich sehe, dass ihr beiden wegen des neuen Spielzeugs streitet. Was können wir da machen?» Das heisst, die Kinder ihr Problem selber lösen lassen. Es lohnt sich, Konflikte später nochmals aufzugreifen, etwa in Form des Familienrates. Gut reagieren Kinder auch auf Geschichten, in denen eine moralische Frage thematisiert wird. Was tun Sie, wenn ein Kind dreinschlägt? Messmer: Mit ihm sprechen. Mit Sicherheit steckt eine Frustration dahinter. Man kann dem Kind sagen, dass man diese versteht, dass man aber das Schlagen nicht gutheisst. Wenn ich ihm mit Liebe begegne und ihm zeige, was Verzeihen bedeutet, kann ich sein Herz gewinnen. Und damit habe ich alles gewonnen. Grundsätzlich macht es immer Sinn, das Kind auf eine höhere Ebene zu holen: etwa von der Ebene der Aggression auf die Ebene der Konfliktlösung. Oder auf die Ebene des Spiels und des Humors. Sie plädieren dafür, Kinder frühzeitig an Themen des Glaubens und der Spiritualität heranzuführen. Ist das nicht viel verlangt? Messmer: Kinder tragen Spiritualität bereits in sich. Wir dürfen sie nur nicht verkümmern lassen. Sie haben eine natürliche Beziehung zu Gott und Schutzengeln. Und wenn man sieht, wie hingebungsvoll und versunken sie spielen, wird klar: Punkto Fähigkeit zur Kontemplation und zur Meditation können wir von Kindern noch einiges lernen. Rita Messmer ist Erwachsenenbildnerin, hält Vorträge und gibt Kurse zu allgemeinen Fragen über Erziehung sowie zu Baby- und Kindermassage. Sie ist Mutter von drei Kindern und lebt mit ihrer Familie in Oberegg AI. Bisherige Veröffentlichungen: «Ihr Baby kann’s!» und «Mit kleinen Kindern leben lernen» (beide Kreuz Verlag). Ihr neues Buch «Zu stark für Gewalt» (Paulusverlag, 200 Seiten, Fr. 28.-) erklärt die ethisch-moralischen Entwicklungsstufen, welche Kinder durchlaufen. Und es zeigt Eltern, wie sie diese Entwicklung begleiten und fördern können.

Neue Luzerner Zeitung
29. April 2003
Arno Renggli