Frieden kann gelernt werden

Wer bessere Kinder will, muss sich selbst ändern, findet Rita Messmer (52). Die Buchautorin spricht über Gewalt und wie damit umzugehen ist.

Rita Messmer, Ihr Buchtitel "Zu stark für Gewalt" klingt paradox: je stärker jemand ist, desto mehr Macht hat er doch, andere zu unterdrücken. Jemand, der Gewalt anwendet, ist schwach. Deshalb bin ich gegen Strafen. Denn paradox ist, wenn Eltern Gewalt anwenden, es dem Kind aber verbieten. Das Kind hat die gewalttätige Gesellschaft als Vorbild und lernt dieses Verhalten. Wir müssen zuerst uns ändern, dann werden sich auch unsere Kinder ändern. Wir müssen den Fokus nicht auf Bestrafung setzen, sondern auf die Lösung.

Ein Beispiel? Kinder lassen Jacken gerne auf dem Boden liegen. Anstatt dem Kind zu befehlen, «hänk d'Jagge uf!», sollte man ihm die Chance geben, selbst eine Lösung für die am Boden liegende Jacke zu finden, wobei die Erwartungen der Eltern für das Kind klar sein müssen. Die Kinder kooperieren meistens. Da sie auf diese Weise Aufmerksamkeit bekommen, brauchen sie nicht mehr durch schlechtes Verhalten aufzufallen. Ich sage immer: man sollte alles sehen, aber viel übersehen; wenig kritisieren, aber gezielt loben.

Sie sind also absolut gegen Strafen? In unserer Gesellschaft ist es leider unmöglich, Strafen zu vermeiden. Wenn das Kind zum Beispiel in die Schule kommt, wird es durch Noten belohnt oder bestraft. Eine Strafe muss aber von Beginn an klar vereinbart werden, womit es eher eine Konsequenz ist als eine Strafe. Um ein Beispiel zu machen: Jungs suchen oft Grenzen. Um ihnen zu zeigen, dass sie sich auf gefährlichem Gebiet befinden, können die Eltern ihm - ganz im Sinne des Fussballs - eine gelbe Karte geben, ihn verwarnen. Er weiss dann, dass er bei Überschreitung der Grenze die rote Karte bekommt, was Konsequenzen mit sich zieht.

Was haben Eltern falsch gemacht, wenn ihr Kind zu Gewalt neigt? Kinder werden oftmals nicht einbezogen, fühlen sich vernachlässigt und unverstanden. In diesem Fall kommunizieren Eltern falsch, reiten auf Fehlern herum. Jugendliche sind sehr sensibel. Sie leben in einer schwierigen Zeit, in einer Welt mit Computerspielen, Fernsehen, Pornographie. Wenn die Eltern ihr Kind in dieser Zeit nicht genügend unterstützen, schliesst es sich einer Gruppe von Gleichaltrigen, einem Ersatz an. Es ist besonders problematisch, wenn diese Gruppe mit Drogen oder Gewalt zu tun hat.

Sie haben es bereits angesprochen: Fernsehen und Computerspiele sind ein Problem der heutigen Jugend. Haben Ihre Kinder Handys? Ich habe lange versucht, meine Kinder von Fernsehen, Computer und Handy fernzuhalten. Als sich zwei meiner Kinder dann aber eines Tages doch Handys kaufen wollten, stimmte ich zwar zu, führte aber strenge Regeln ein. Am Esstisch zum Beispiel war das Handy tabu und die Telefonrechnungen mussten vom Sackgeld bezahlt werden.

Manche sind überzeugt, dass Jugendgewalt zunimmt, andere sagen, wir nehmen Gewalt nur anders wahr. Was denken Sie? Die Jugend ist definitiv gewalttätiger geworden; das ist heute auch nicht anders möglich, eben durch Fernsehen, Computerspiele und Internet. Die Menschen bauen auf das, was sie aus ihrem Umfeld erfahren. Deshalb sollte auch in der Schule ein Programm im Stundenplan integriert werden, das den Kindern richtiges Verhalten lehrt. Denn Frieden kann gelernt werden, wie Gewalt auch.

Können gewalttätige Jugendliche "geheilt" werden? Ich glaube, man kann grundsätzlich alles heilen. Es kostet einfach mehr Energie. Man kann aber nichts ungeschehen machen.

Winterthurer Stadtanzeiger
7. März 2007
Pamela Meili