Sensible Phasen in der Frühentwicklung - Windelkultur wäre unnötig

Reinlichkeit ein Bedürfnis auch für Menschen

Die Entwicklung in unserer Kultur hat sich weit entfernt von der „primitiven Intimität“, von der jeder Säugling abhängig ist und die er vom Zeitpunkt seiner Geburt an erwartet. Wir haben unsere Entwicklungsgeschichte vergessen. Mühsam müssen wir sie wieder entdecken und gründlich ihre Existenz untermauern, bevor wir eventuell wagen, die Konsequenzen daraus zu ziehen: Da sich meine Entwicklungstheorie stark an der Natur orientiert, ist es wichtig, dass wir den Sinn und Zweck von „Sensiblen Phasen“ kennen. Was ist eine sensible Phase? Für jede Entwicklungsphase im Leben gibt es eine bestimmte, ganz besonders geeignete Periode, also Zeiten, wo ein Kind reif ist, einen bestimmten Entwicklungsschritt zu machen. Wird der geeignete Zeitpunkt dafür verpasst, vollzieht das Kind diesen Schritt erst viel später und viel mühsamer. Maria Montessori prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der »Sensiblen Phase«. An zwei Beispielen möchte ich diese Phase illustrieren: Beobachtungen von Elternvögeln an Nesthockern haben gezeigt, dass nach einer gewissen Zeit die Eltern einen Teil des Futters ihren Jungen nicht mehr in den Schnabel stecken, sondern ins Nest legen, damit die Jungvögel selber lernen, das Futter aufzunehmen und zu picken. In Experimenten mit jungen Staren wurden diese mit einer Pinzette gefüttert. Der junge Star reisst bei Annäherung der Pinzette den Schnabel weit auf und »sperrt«. Füttert man ihn über die sensible Phase hinaus weiter mit der Pinzette, ohne dass er Gelegenheit hat, etwas zu picken, lernt er nicht mehr, selbständig zu picken, und er würde kläglich verhungern, wenn man ihn nicht weiterfüttern würde. Er sperrt dann einfach den Schnabel auf und wartet auf seine Fütterung. Ratten oder Katzen werden „blind“ geboren, das heisst, mit noch nicht geöffneten Augen. Werden diesen Tieren zum Zeitpunkt, wo sie naturgemäss die Augen öffnen würden, diese verbunden und wird die Binde über die Frist der sensiblen Phase hinaus belassen, so bleiben sie das Leben lang blind. Das Auge ist völlig intakt, aber der Zeitpunkt, wo das Gehirn die Reize von Licht, Farben und Formen vernetzen kann, ist vertan und in der Folge irreversibel. „Lernfenster für das Baby“ Auch die Entwicklung des Menschen läuft über sensible Phasen. Die Natur hat uns bewusst ein Mittel in die Hand gegeben, um möglichst frühzeitig für uns wichtige Lernprozesse zu machen, zu beschleunigen und zu vertiefen, bevor wir dies verstandesmässig oder intellektuell vollziehen können – auch Lernfenster genannt. Die frühkindliche Entwicklung läuft über Reize und Signale. In diesem Sinne ist das Neugeborene ein höchst kommunikatives Wesen. Wir reagieren aber fast nur noch auf das Weinen des Babys und haben verlernt, die feineren Körpersignale wahrzunehmen, und erst recht, diese zu interpretieren. Reinlichkeit ist Bedürfnis Die Natur hat nicht vorgesehen, dass wir in unserem eigenen Dreck liegen. Kein Tier in freier Wildbahn legt sich in den eigenen Kot oder deponiert diesen da, wo es frisst – dies tun noch nicht einmal Kaninchen oder Meerschweinchen in Stallhaltung. Sie wählen dazu eine bestimmte Ecke aus. So will sich kein Baby voll machen. Das wird dadurch deutlich wird, dass es jeweils mit seiner „Entleerung“ wartet, bis es „ausgepackt“ ist. Das Baby gibt aber auch Signale: Genauso wie es dies tut, wenn es Hunger hat, erfolgen sie, wenn es das Bedürfnis nach „Entleerung“ verspürt. Wir müssten also lediglich darauf reagieren und die Möglichkeit dazu schaffen, dann ist dieser Entwicklungsschritt für kein Baby ein Problem. Im Gegenteil: Das Baby entwickelt sich viel besser, denn es fühlt sich in seinen Bedürfnissen besser wahrgenommen und verstanden, was für seine weitere gesunde Entwicklung von grosser Bedeutung ist. Welchen Stellenwert nicht nur das Essen, sondern auch die „Entleerung“ hat, können wir ja bestens bei Tieren beobachten. Auch beim Menschen wissen wir, dass Psyche, Verdauung und Ausscheidung eng gekoppelt sind. Wenn wir diesen natürlich angelegten Entwicklungsschritt bei unseren Babys nicht mehr wahrnehmen, bedeutet dies schon zum Lebensanfang Frustration mit entscheidenden negativen Auswirkungen. Nichtindustrialisierte Länder kennen keine Windelkultur, initiieren oder stimulieren das Bedürfnis der Ausscheidungen und reagieren dann auf die Signale ihrer Babys. Werden sie nackt im Tragetuch tragen, werden die Mütter von ihnen nicht dauernd vollgemacht. Die sensible Phase der Reinlichkeit ist vom ersten Lebenstag an offen; das Lernfenster schliesst sich aber bereits mit dem dritten Lebensmonat. Ab dann bleibt dem Menschen nur noch ein bewusstes Lernen. Verpasste sensible Phasen Im ersten Zeitraum wird der Entwicklungsschritt über eine „Sensible Phase“ eingeleitet und durch einen äusseren Reiz stimuliert und zur Entwicklung gebracht. Dieser Lernschritt erfolgt unbewusst und phylogenetisch. Im zweiten Zeitraum wird er über das Bewusstsein – den Intellekt – bewusst gelernt. Nur der Mensch „verpasst“ sensible Phasen.

Hebamme.ch
1. September 2007
Rita Messmer