Nicht jedes Baby braucht Windeln

Statt sie zu fördern, bremsen viele Eltern ihre Babys – meist unbemerkt. Ergebnis: unselbstständige Kinder, unnötiger Stress. Die Autorin Rita Messmer zeigt, wie Eltern sich vielesleichter machen können.

HANS PETER ROTH: Kein Tier in freier Wildbahn legt sich in den eigenen Kot oder deponiert ihn dort, wo es frisst. Noch nicht einmal Kaninchen oder Meerschweinchen in Stallhaltung tun dies. Sollte das ausgerechnet bei uns Menschen anders sein? Sollte es «normal» sein, dass sich ein Baby vollmacht und dann – in den Windeln – womöglich stundenlang im eigenen «beschmutzten Nest» liegt? Solche Fragen liessen Rita Messmer keine Ruhe. Wenn etwas so Elementares in der Tierwelt selbstverständlich ist, wunderte sich die dreifache Mutter, um wie viel mehr muss es die Natur dann hoch entwickeltem Leben buchstäblich in die Wiege gelegt haben? In nicht-industrialisierten Kulturen in Asien, Amerika und Afrika werden Babys traditionell am Körper getragen, weiss Rita Messmer. Und diese Menschen lassen ihren Nachwuchs, den sie zum Teil nackt in Tüchern auf sich tragen, keineswegs einfach über sich pinkeln und stuhlen. Das Baby scheint also der Mutter rechtzeitig zu signalisieren, dass es muss. Und diese reagiert sehr sensibel auf das Geschäft ihres Kleinsten – weil sie die Signale kennt. KEIN ZUFALL: Demgegenüber behaupten gewisse Experten, ein Kind könne bis zum Alter von drei Jahren seine Blase nicht kontrollieren und dass es ganz normal sei, wenn es bis dahin in die Windeln macht. «Nachdem ich auf meinen zahlreichen Reisen viele Erfahrungen mit anderen Kulturen gesammelt hatte, wollte ich bei meinen eigenen Kindern die Probe aufs Exempel machen», erinnert sich Rita Messmer: «Es zeigte sich schnell, dass die Behauptung vieler Psychologen und Pädiater nicht stimmen konnte.» Ihren Sohn Stefan hielt sie mit knappen drei Monaten über die WC-Schüssel und hiess ihn Pipi machen – für den Topf war er ja noch zu klein. «Also machte ich es wie die Frauen bei den Naturvölkern – anstatt über den Wegrand hielt ich ihn einfach über die Toilette.» Kaum hatte sie fertig gesprochen, als sich auch schon ein kleiner Springbrunnen aus seinem Penis in die Schüssel ergoss. Schon im Säuglingsalter «trocken»? Zuerst dachte sie an Zufall. Als sich die Szene aber immer wieder auf die gleiche Weise wiederholte, konnte kein Zufall mehr im Spiel sein. «Ich stellte auch fest, wie er jedes Mal nach dem Windelöffnen geradezu darauf wartete, übers Klo gehalten zu werden.» In ihrem Buch «Ihr Baby kann’s!» (Beltz Verlag) schreibt Rita Messmer: «Unzählige Mütter haben dieses Verfahren mittlerweile ausprobiert und sie stellen mit Erstaunen fest, dass es auch bei ihnen klappt.» FÜR JEDEN LERNSCHRITT: Die Erwachsenenbildnerin und Autorin folgert, dass es für jeden wichtigen Lernschritt eine so genannte sensible Phase gibt. Manche Lernphasen unserer Kinder nähmen wir intuitiv richtig wahr, ohne uns dessen jedoch bewusst zu sein. Andere verhinderten wir mit unserem Intellekt, ebenfalls ohne es zu merken. Angenommen, ein Säugling werde nach seiner Geburt direkt mit der Flasche gefüttert. Die sensible Phase, in der das Kind an der Mutterbrust zu trinken lernt, wird also nicht wahrgenommen. Würde man den Säugling nach einiger Zeit an der Brust anlegen, würde er nicht mehr an der Brust trinken, weil sein Gehirn die Flasche als Nahrungsquelle registriert – also entsprechend vernetzt hat, und nicht die Brust, sagt Rita Messmer. Im Handbuch für die stillende Mutter der «La Leche Liga» heisst es: «Bei einem voll ausgetragenen, gesunden Neugeborenen ist der Saugreflex gewöhnlich 20 bis 30 Minuten nach der Geburt am stärksten, vorausgesetzt, dass es nicht aufgrund von Medikamenten ganz benommen ist. Wenn dieser wichtige Zeitpunkt für das erste Anlegen verpasst wird, kann es sein, dass der Saugreflex beim Baby etwa eineinhalb Tage lang weniger stark ausgeprägt ist.» ZEITFENSTER NUTZEN: Der Begriff «sensible Phasen» wurde von der Schweizer Pionierpädagogin Maria Montessori geprägt. Nach wissenschaftlicher Definition treten diese Entwicklungs¬fenster von Geburt an bis zum 12. Lebensjahr jeweils in Phasen auf, in denen das Gehirn am eifrigsten von seiner Umgebung lernt. Oft sind diese auch aus der Tierwelt bekannten Entwicklungsfenster nur relativ kurz offen; für das beschriebene Rein¬lichkeitsverhalten beispielsweise rund drei Monate ab der Geburt. Ist das Zeitfenster einmal geschlossen, muss der Entwicklungsschritt später mit weit mehr Aufwand über den Intellekt erlernt werden. «Mit den sensiblen Phasen hat uns die Natur bewusst Mittel in die Hand gegeben, um möglichst frühzeitig für uns wichtige Lernprozesse zu machen, zu beschleunigen und zu vertiefen, bevor wir dies verstandesmässig oder intellektuell vollziehen können», sagt Rita Messmer. Die frühkindliche Entwicklung laufe über Reize und Signale. In diesem Sinne sei das Neugeborene ein höchst kommunikatives Wesen. «Wir reagieren aber fast nur noch auf das Weinen des Babys und haben verlernt, die feineren Körpersignale wahrzunehmen, und erst recht, diese zu interpretieren. Dies wäre wichtig, denn so fühlt sich das Baby in seinen Bedürfnissen besser wahrgenommen und verstanden, was für seine gesunde Entwicklung von grosser Bedeutung ist.» Aufgrund dieser Erkenntnis sei es nahe liegend, die verschiedenen sensiblen Phasen unserer Kinder wahrzunehmen und zu nutzen. «MUT ZUR ERZIEHUNG» – VERANSTALTUNG IN CHUR: Um sensible Phasen und Erziehungsthemen rund um das heranwachsende Kind geht es am Wochenend-Seminar «Mut zur Erziehung: Bessere Verständigung zwischen Erwachsenen und Kindern». Dieses wird am 7. und 8. Juni/ 8. und 9. Nov. im Rahmen der Elternschule Chur von der Erwachsenenbildnerin, Cranio-Sacral-Therapeutin und Buchautorin Rita Messmer in Chur durchgeführt. (hpr) Information und Anmeldung: Gaby Camenisch, Tel. 081 353 82 65. Weitere Informa¬tio¬nen zum Thema, zu Rita Messmer und Literatur unter www.rita-messmer.ch

Südostschweiz
5. Juni 2008
Hans Peter Roth