Erst helfen, wenn es eng wird

Die Welt ist ein Dschungel. Viele Eltern versuchen deshalb, ihre Kinder vor Gefahren zu schützen. Gut gemeint, aber für die Entwicklung schädlich, tadelt Autorin Rita Messmer. Ihre Devise: Kinder konfrontieren - je früher desto besser.

ERZIEHUNG Die Welt ist ein Dschungel. Viele Eltern versuchen deshalb, ihre Kinder vor Gefahren zu schützen. Gut gemeint, aber für die Entwicklung schädlich, tadelt Autorin Rita Messmer. Ihre Devise: Kinder konfrontieren – je früher desto besser. Mit roten Schlafwangen kehrt Elina (2) vom Erwachsenenklo zurück an den Tisch und kraxelt strahlend auf ihren Stuhl. Sie tut dies so abenteuerlich-akrobatisch, dass man am liebsten Hand bieten würde. Doch ihre Mutter bewegt sich nicht. Warum auch – im Nu sitzt die Zweijährige fest im Sattel. «Ich werde immer wieder drauf angesprochen, wie unglaublich selbstständig Elina-Maria schon ist», freut sich Mutter Yvonne Plüss. Elina ist kein frühreifes Wunderkind. Doch sie hat schon im Alter von wenigen Monaten erfahren, dass Gefahren zum Alltag gehören – und ihr Verhalten angepasst. In der modernen Wohnung ihrer Eltern, dem Eishockey-Stürmer des HC Fribourg-Gottéron Beni Plüss (30) und seiner Frau Yvonne (28), lauern wie in vielen Haushalten Gefahren für den mobilen Nachwuchs: Steckdosen, heisse Herdplatten, giftige Pflanzen, Putzmittel, Hydrokulturkügelchen. Die Zweijährige lässt dies seit mehr als einem Jahr links liegen. Elina durfte lernen, was Gefahren sind. Sie hat die Pflanzen im elterlichen Wohnzimmer ausgiebig erkunden dürfen. Erst als sie sie essen wollte, reagierten die Eltern mit klarem Signal. Sie erklärten, dass Pflanzen giftig und damit gefährlich sein können und nicht in den Mund gehören. Elina verstand. Wenig später genügte ein Blick der Eltern und Elina machte einen Bogen um das Grünzeug. Kinder sollen lernen, dass es Gefahren gibt. Man müsse damit nicht warten, bis ihr Intellekt so weit gereift sei, dass sie diese verstandesmässig aufnehmen können, sagt Buchautorin Rita Messmer, selber Mutter von drei Kindern. «Mit unserem Beschützerinstinkt hindern wir sie daran, Erfahrungen zu machen, die sie für eine gesunde Entwicklung brauchen.» Ein Kleinkind, das nicht spürt, dass Messer scharf und Gabeln spitzig sind, kann nicht lernen, damit vorsichtig umzugehen. Lässt man es das Besteck hingegen erforschen, merkt das Kind, dass man sich damit weh tun kann und dass hier Vorsicht geboten ist. Auch die Plüss’ aus Tafers verfuhren so. Sie besuchten den Erziehungskurs von Rita Messmer, der sich auf das Montessori-Konzept der «sensiblen Phasen» stützt. Der Grundgedanke: In einem Baby ist alles angelegt, was es zum Überleben braucht. Seine Anlagen müssen nur geweckt werden. Für jeden Entwicklungsschritt gibt es ein Zeitfenster, in dem das Kind bestimmte Fähigkeiten markant schnell über das Unterbewusstsein lernt: Sprechen, Reinlichkeit oder auch das Verhalten bei Gefahren. Wann sich die Fenster öffnen, bemerken Eltern am Verhalten ihrer Kinder, die dann besonders neugierig sind. Die sensible Phase zum Erkennen von Gefahren beginnt laut Messmer schon mit drei bis vier Monaten. Werden Phasen verpasst, müsse das Kind den Entwicklungsschritt später mühsam erlernen. Der entscheidende Vorteil des unbewussten Lernens: Was tief im Innern abgespeichert ist, wird auch abgerufen, wenn Stress oder Spiel den kindlichen Kopf ausschalten, weil beispielsweise der Ball auf die Strasse rollt. Eltern, die ihre Kinder in der sensiblen Phase darauf hinweisen, dass Motorengeräusche und Verkehr gefährlich sind, weil man dabei verunfallen kann, schärfen das Sensorium der Sprösslinge für Gefahr. Sie werden sich früher als andere darauf verlassen können, dass sich ihre Kinder instinktiv von potenziellen Gefahren entfernen. Besonders, wenn ihre Rückversicherung – die Eltern – nicht anwesend sind. «Wichtig ist, zu erkennen, wann sich das Kind was zutraut», so Messmer. Unterstützung erfährt Messmer aus der Hirnforschung. So ist erwiesen, dass frühkindliche Erfahrungen das Gehirn strukturieren und die rund 1000 Milliarden Gehirnzellen eines Neugeborenen in Windeseile verknüpft werden. In einer sensiblen Phase entstehen dabei fast explosionsartig neue Verbindungen, vorausgesetzt, dass verschiedenste Sinnesreize das Gehirn auch füttern. Kinder schutzlos ihrem Entdeckerdrang überlassen? Nicht ganz. Ein Krabbelkind, das die Treppe erproben will, muss ausprobieren, was es kann und was es noch braucht, um sicherer zu werden. Wenn das Biotop im Garten für das Kleinkind Anziehungskraft bekommt, muss es das Wasser anfassen dürfen, um die Tiefe zu erspüren. Nur so lässt sich ihm die Gefahr verdeutlichen. Aber: All dies geschehe stets unter den Augen der Eltern, auch wenn das Kind dies nicht immer bemerke, so Messmer. «Kinder wissen, dass sie den Schutz der Eltern brauchen», sagt die Fachfrau. «Wenn wir dieses Vertrauen aber missbrauchen, indem wir sie überbehüten und ihren natürlichen Drang zu erkunden blockieren, können sie nicht anders, als Gefährliches auszutesten, wenn die Erwachsenen nicht dabei sind. Dann geschehen schlimme Unfälle.» Draussen machen sich die Eltern nur selten Sorgen, denn das Konzept geht auf. Auf der Strasse tritt die Zweijährige, kaum dass sie ein Motorengeräusch hört, selbstständig vom Strassenrand zurück und sucht den Kontakt zu ihren Eltern oder der Babysitterin. Den Kletterturm ersteigen, auf Mauern kraxeln, all das will Elina derzeit tun. «Ich greife erst ein, wenn ich das Gefühl habe, es werde eng, oder wenn mir Elina deutet, dass sie meine Hilfe braucht», sagt Beni Plüss. «Nicht ich bestimme, wann sie reif für etwas ist, sondern sie. So gebe ich ihr das Vertrauen, dass sie es schaffen kann.» Vor allem Erziehungswissenschaftler stehen diesem Konzept der «Sensiblen Phasen» kritisch gegenüber. Heidi Simoni, Psychologin und Leiterin des Marie Meierhofer-Instituts für das Kind, hält Rita Messmers Auslegung des Montessori-Konzepts für überstrapaziert. Was die Buchautorin beschreibe, habe weniger mit sensiblen Phasen für jeden einzelnen Entwicklungsschritt als mit Erziehungsstil zu tun. Allerdings «gehe ich absolut darin einig, dass man viel verschenkt, wenn man Kinder nicht früh Erfahrungen machen lässt, die ihren Interessen und ihrem Entwicklungsstand entsprechen oder sogar ein klein wenig da-rüber hinausgehen.» ? Buchtipp Kinder lernen Rita Messmer: «Ihr Baby kann’s!» Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit von Kindern fördern. Beltz-Verlag 2004.

Coop-Zeitung
20. Oktober 2009
Cordula Sanwald