WC statt Windel, geht das?

Windeln hemmen Babys in ihrer Entwicklung, findet die Buchautorin Rita Messmer. Säuglinge, sagt sie, könnten von Geburt weg daran gewöhnt werden, ihr Geschäft über der Kloschüssel zu verrichten.

ArtikelSonntag, 30. September 2012 / Nr. 40 Zentralschweiz am Sonntag Wissen WC statt Windel, geht das? Und jetzt noch schnell eine neue Windel dran – oder vielleicht doch nicht? Bei der Reinlichkeitserziehung von Säuglingen scheiden sich die Geister. Getty KleinKinder Windeln hemmen Babys in ihrer Entwicklung, findet die Buchautorin Rita Messmer. Säuglinge, sagt sie, könnten von Geburt weg daran gewöhnt werden, ihr Geschäft über der Kloschüssel zu verrichten. GiuSEppE WüESt wissen@luzernerzeitung.ch Die Windelindustrie steht vor einer schwierigen Zukunft. Zumindest, wenn es nach der Vorstellung von Rita Messmer geht. Die Schweizer Erwachsenenbildnerin, Cranio-Sacral-Therapeutin und Autorin vertritt seit Jahren schon hartnäckig die These, dass Windeln nicht zwingend zum Leben eines Säuglings gehören. Und schon gar nicht zum Leben eines 4-, 5- oder 6-jährigen (oder noch älteren) Kindes. Ihre Überzeugung: Achten Eltern von Beginn weg darauf, dass ihr Baby nicht immer und überall in die Windel ausscheidet, sondern nur an einem dafür vorgesehenen Ort, dann ist es sozusagen in null Komma nichts trocken. Bislang stiess Rita Messmers Theorie in der breiten Öffentlichkeit noch auf keine sonderlich grosse Resonanz. Doch das könnte sich bald tatsächlich ändern: Denn sie legt nun die eigenen Angaben zufolge erste wissenschaftliche Studie zum Thema «Frühkindliche Reinlichkeitserziehung » vor. Für diese hat Rita Messmer, selber dreifache Mutter, die Erfahrungen von insgesamt 138 Eltern, die ihre Babys nach dieser Methode «trockengelegt» haben, ausgewertet. Und sie kommt zum Schluss: Es funktioniert tatsächlich. Die Kinder der an der Studie teilnehmenden Eltern lebten im Schnitt ab einem Alter von ein bis eineinhalb Jahren gänzlich windelfrei. Sensible Phasen «Für jede Entwicklungsphase im Leben gibt es eine bestimmte, ganz besonders geeignete Perioden», erklärt Messmer, die zu diesem Thema bereits Bücher publiziert hat und Kurse anbietet: «Es gibt also Zeiten, wo ein Kind reif ist, einen bestimmten Entwicklungsschritt zu machen.» Verstreiche dieser geeignete Zeitpunkt ungenutzt, vollziehe das Kind diesen Schritt nicht nur viel später, sondern auch viel mühsamer über den Intellekt. Rita Messmer lehnt sich in ihren Überlegungen stark an die Pädagogin Maria Montessori (1870– 1952) an, die in diesem Zusammenhang den Begriff der «sensiblen Phase» prägte. die Bettnässer-Generation Die «sensible Phase», in der das Hirn wichtige Vernetzungen für die Reinlichkeit macht, sind laut Rita Messmer die ersten drei Lebensmonate: «Verpasst man es in dieser Zeit, seinem Baby die nötigen Impulse zu geben, will es sein Geschäft bis auf weiteres da erledigen, wo es dies gewohnt ist: in die Windel. Windeln aber sind heutzutage so saugfähig und bleiben auch in vollem Zustand so trocken, dass das Kind gar nicht merkt, dass es sich eigentlich eingenässt hat.» Dementsprechend bleibe auch der Anreiz aus, dieses unangenehme Gefühl zu verhindern. Welche Folgen dies habe, sei nicht zuletzt in den Verkaufsregalen von Grossverteilern und Fachgeschäften zu sehen: «Unglaublich», ereifert sich Rita Messmer, «Pampers beispielsweise führt mittlerweile bereits Windeln für 8- bis 12-Jährige im Sortiment. Wir sind drauf und dran, eine Generation von Bettnässern zu kreieren.» Diese mehrjährige Windelabhängigkeit, sagt Messmer, sei sowohl aus ökologischer als auch aus Schulmediziner sind skeptisch TaBuThema? wü. Mit ihrer Methode zur frühen Reinlichkeitserziehung spreche sie ein Tabuthema an, ist Rita Messmer überzeugt: Zu verbreitet sei in der Werbung und in der Gesellschaft das herzige Bild eines Babys mit Windeln. Und niemand möge sich gross Gedanken darüber machen, dass die Kinder durchschnittlich immer älter werden, bevor sie trocken werden. Tatsache ist, dass die Schulmedizin der Methode äusserst skeptisch gegenübersteht: Messmers Theorie wird als pseudowissenschaftlich kommentiert, insbesondere wird zudem kritisiert, ein derart frühes Training von Blase und Schliessmuskel sei nicht kindgerecht, weil ein Baby diese gar noch nicht bewusst kontrollieren könne. ökonomischer Sicht ein Unsinn. Zudem könne sie für das betroffene Kind zur psychischen Belastung werden: «Stellen Sie sich schon nur mal vor, wie belastend es etwa für einen 9-Jährigen sein kann, der nachts nicht ohne Windeln schlafen kann, wenn ein Klassenlager oder die Übernachtung bei einem ‹Gspänli› ansteht. » Wider die natur Nach Ansicht von Rita Messmer ist die Windel eine Fehl-Erfindung und das Tragen derselben wider die Natur: «Windeln bringen Säuglingen ein unnatürliches Verhalten bei. Nämlich, dass sie «Wir sind drauf und dran, eine Generation von Bettnässern zu kreieren.»» Rita MESSMER, ERWachSEnEnBildnERin und BuchautoRin immer und überall ihr Geschäft verrichten können.» Kein Säugetier lege sich freiwillig in seinen eigenen Kot, nicht einmal Kaninchen oder Meerschweinchen in Stallhaltung. Sie wählten für ihr Geschäft eine eigens ausgesuchte Ecke. «Wieso aber sollten, wo Tiere schon sehr bald eine gewisse Empfindlichkeit an den Tag legen, die Menschen noch Jahrelang ihr ‹Nest› – sprich ihre Windel – beschmutzen?», fragt Messmer. Das könne bestimmt nicht das Ergebnis der Evolution sein, sondern sei eher eine Form der Regression. ein «westliches Problem» «Das Problem», so die 58-Jährige, «hängt weitgehend damit zusammen, dass wir in unserer westlichen, industrialisierten Gesellschaft das Gespür für die Natur und für ganz normale Körpervorgänge verloren haben.» Ganz anders als die Menschen in weniger entwickelten Gegenden der Welt: «Wie machen es etwa Frauen in Afrika oder Asien, die ihre Babys traditionell auf dem Rücken transportieren? Sie lassen ihren Nachwuchs, den sie zum Teil nackt in Tüchern auf sich tragen, keineswegs einfach über sich pinkeln und stuhlen.» Diese Mütter reagierten vielmehr auf Signale ihres Babys, schwenkten es aus dem Tragtuch und hielten es kurz über den Wegrand, wo es sein Geschäft erledigen könne. Das Baby werde mit etwas Wasser gereinigt – und schon gehe die Mutter wieder ihrer Beschäftigung nach. Messmer: «Der ganzen Geschichte wird relativ wenig Beachtung geschenkt, wodurch sie nie den Stellenwert und die Komplexität erreicht wie bei uns.» «Pssssssss» Ihre Studie zeige, so Rita Messmer, dass die Erziehung zur frühen Reinlichkeit auch in der westlichen Welt praxistauglich sei. Das Wichtigste sei dabei, damit wirklich gleich in den ersten Lebenswochen zu beginnen: «Die besten Resultate – sprich die wenigsten späteren Pannen – erzielten jene Eltern, die von Beginn weg ihre Babys vom unkontrollierten Ausscheiden abhielten. » Der Aufwand dafür, so Messmer, falle kaum ins Gewicht, man müsse nur auf die Signale achten, die das Neugeborene sende. Die häufigsten seien: Unruhigwerden, leichtes Weinen, Absetzen beim Stillen und die Suche nach Augenkontakt. «Die Eltern sollten auf diese Zeichen entsprechend reagieren, die Windel abnehmen und ihr Baby kurz über die WC-Schüssel, das Lavabo oder einen Topf halten», sagt Rita Messmer und rät zudem dazu, anfangs zur Verstärkung ein akustisches Signal wie etwa «Pssssssss» zu geben: «Sozusagen ein internationales Zeichen zum Urinieren.» Das Kind, versichert sie, werde so sehr rasch lernen, sein Geschäft nur über der Schüssel zu verrichten. Schweizer Kinder verbrauchen heute im Schnitt rund 1,15 Millionen Windeln pro Tag. Werden es in Zukunft weniger sein? HINWEIS . * Rita Messmer ist Mutter von drei erwachsenen Kindern und lebt in Faoug (VD) am Murtensee. Die 58-Jährige ist als Erwachsenenbildnerin, Cranio-Sacral-Therapeutin und Buchautorin tätig. Sie hält zudem Vorträge zu allgemeinen Erziehungsfragen und gibt Meditationskurse. Weitere Infos: www.rita-messmer.ch Buchtipp: «Ihr Baby kanns. Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit von Kindern fördern», Beltz-Verlag, ca. 22.90 Fr. .

Zentralschweiz am Sonntag
30. September 2012
Giuseppe Wüest