Unten ohne

Kleinkinder Ständiges Wickeln und teure Windeleinkäufe nehmen die meisten Eltern nach der Geburt ihres Nachwuchses als notwendiges Übel hin. Doch es geht auch ohne. Schon Säuglinge kommen ohne Windel aus, wenn man ihre Signale erkennt, sagen zumindest die Anhänger derWindelfrei-Theorie.

Unten ohne Kleinkinder: Ständiges Wickeln und teure Windeleinkäufe nehmen die meisten Eltern nach der Geburt ihres Nachwuchses als notwendiges Übel hin. Doch es geht auch ohne. Schon Säuglinge kommen ohne Windel aus, wenn man ihre Signale erkennt, sagen zumindest die Anhänger derWindelfrei-Theorie. Katja Fischer De Santi «Nein, es funktioniert nicht immer », sagtDorothea Enns routiniert. Die zweifache Mutter aus St.Gallen ist sich die Fragerei gewohnt. Wo immer sie mit ihren Kindern auftaucht, wird sie zum Gesprächsthema. Dann,wenn sie ihremeinjährigenSohnamRande des Spielplatzes die Hose runterzieht und ihn in der Hockeposition Bisi machen lässt.DennWindeln trägt Robin tagsüber nicht mehr seit er vierMonate alt ist. Ab dem ersten Tag ohne Er und seine dreijährige SchwesterCamilla sind aber keine Superkinder und Mutter Dorothea Enns auch keine Supermama, die ihre Kinder aufs Trockenwerden drillt. Jedes Baby könne ab dem Tag seiner Geburt windelfrei sein, ist Enns überzeugt. Schon SäuglingewürdenklareZeichengeben, bevor sie Darm oder Blase entleerten. Sie zappeln, wimmern, unterbrechen abrupt das Trinken/ Essen oder verziehen das Gesichtchen. «Man muss die Zeichen nur zu deuten lernen – und sofort reagieren, indem man mit dem Kind auf die Toilette geht oder es bittet, einen kurzen Moment zu warten.» Wenn nicht, würden die Kleinkinder die Zeichen einstellen, und sich daran gewöhnen, ihr Geschäft in die Windel zu machen, sagt auch RitaMessmer. Die Therapeutin und Autorin spricht in diesem Zusammenhang von der «sensiblen Phase». Sie war die erste, die 1996 in ihrem Buch «Ihr Baby kann’s» die Windelfrei- Theorie verbreitete. «Babies wollen nicht in dieWindeln machen; es ist für sie unangenehm, im eigenen Dreck zu liegen», schrieb Messmer. Bestätigt werde dies durch die Beobachtung vieler Eltern, dass das Baby erst dann uriniere, wenn sie dieWindeln geöffnet hätten. Tochter verweigerteWindeln Darauf gekommen ist die dreifacheMutter, weil sich ihre älteste Tochter nach ein paar Monaten nur noch unter wildem Geschrei wickeln lies. Sie hielt sie daraufhin über das Häfi – undsiehe da, es funktionierte. Rita Messmer war erfreut und erstaunt. Heisst es doch unter Kinderärzten, dass Kinder frühestens ab zwei Jahren ihre Blasen kontrollierenkönnten. Siebegann zu recherchieren. Und stellte fest, «dass 70 Prozent der Erdbevölkerung ihren Kleinkindern keine Windeln anziehen». Frauen in Afrika oder Asien würden ihre Säuglinge mit TüchernamKörper tragen und sie für den Stuhlgang kurz vonsichweghalten.Denn,so ist die Therapeutin überzeugt, «Babies haben vonGeburt aus das Bedürfnis, sich und ihre Mutter sauber zu halten». Schliesslich würden auch Tierkinder ihr Nest nicht beschmutzen. In der Praxis anstrengend Rita Messmer glaubt, dass Reinlichkeit eine natürliche Sache sei wie Essen und Trinken. «Sie ist von Geburt weg angelegt.» So weit die Theorie. In der Praxis braucht es vor allem viel Geduld, noch mehr Zeit und wasserdichte Unterlagen. Denn ganz so «mühelos» wieMessmer dieWindelfrei- Technik beschreibt, sei sie nicht, sagt Dorothea Enns. Säuglingemachen bis zu 20malamTag Pipi. Und auch wenn es besser klappt und die Gänge zum Klo oder Töpfchen weniger werden, müsse mit Rückfällen gerechnet werden. «Vor allem bei Entwicklungsschüben ändernsich dieAnzeichen oder fallen für einige Tage ganz weg.» Diese Tage seien chaotisch und auch mal frustrierend, sagt Enns. Die Tage jedoch, wo man auf sein Kind stolz sei und die Kommunikationwunderbar klappe,würden bei weitem überwiegen. «Und für die schlechtenTage gibt es janoch immer Windeln», gibt sich Enns pragmatisch. Auch nachts sind für sie Windeln praktikabler als aufzustehen. «Eine ausgeschlafene Mutter bringt Robin mehr als eine windelfreie Nacht.» Die gelernte Kinderkrankenschwester betont, dass sie weder besonders alternativ noch eine überengagierte Vollzeitmutter sei. «Windelfrei hat mich begeistert, weil es sofort funktioniert hat und weil Windeln in meinen Augen ein ökologischer und finanzieller Unsinn sind.» Anfangs habe sie jedoch viele Zweifel gehabt. Sich nicht ohne Windeln in den Supermarkt getraut, nicht gewusst, ob es mit der Fremdbetreuung klappt. Zudem habe sie sich allein gefühlt, zuweilen gar stigmatisiert. «Es hat mich erschreckt, wie ablehnend, ja bösartig gewisse Leute reagierten.» Auch Rita Messmer erzählt, dass es sie immer wieder erstaunt, mit welcher Vehemenz das Windeltragen verteidigt werde. «Gerade so als würde eine heilige Kuh geschlachtet. » Ärzte sind skeptisch Erziehungsexperten und Ärzte halten dann auch gegen den Trend. Babies im ersten Lebensjahr seien nur sehr begrenzt lernfähig, schreibt etwa der US-Erziehungsexperte Benjamin Spock in einem seiner Ratgeber. Der Säugling werde durch das Toilettentraining zwar konditioniert, wie dies auch bei der Brust geschieht. «Aber das Kind ist sich der Darmbewegung nicht bewusst. Es kooperiert nicht willentlich», schreibt Spock. Reife wird nicht beschleunigt Auch Anita Müller, Leitende Ärztin der Kinderklinik am Kantonsspital Münsterlingen, ist skeptisch. Die Anwendung sei extrem aufwendig und zudem sei es unwahrscheinlich, dass dadurch die Reife des Kindes beschleunigt werde. Kleinkinder könnten frühestens ab eineinhalb Jahren ihre Bedürfnisse einordnen. Zudem warnt Müller vor der Stigmatisierung, wenn Eltern ihren Kindern keine Windeln anziehen würden. Rein medizinisch hält es die Ärztin jedoch für unbedenklich. Bei der Mütter- und Väterberatung St.Gallen istmanpositiv eingestellt. Es spreche nichts dagegen, dieseMethode anzuwenden, sagtMaya Hofmann. Dass Mütter undVäter dabei lernen, bereits die leisen Signale ihres Kindes zu beachten, sei ein grosser Pluspunkt. «Eltern, die ihreKinder ohneWindeln aufziehen, reagieren sehr sensibel auf die Bedürfnisse ihres Babys.» Allein daran ist nichts Falsches. Infos zu den monatlichen Treffen in der Ostschweiz sowie Tips und Coachings unter www.topffit.ch Bild: Michel Canonica Dorothea Enns mit ihren Kinder Robin (1) und Camilla (3): StattWindeln gibt es bei ihnen zu Hause das Töpfchen – von Anfang an. Weltweit tragen 70 Prozent der Babies keine Windeln. Die Reinlichkeit funktioniert auch so. Rita Messer, Therapeutin

Ostschweizer Tagblatt
10. Oktober 2012
Katja Fischer