Über mich

Ich bin 1954 in Bern als Zwilling und das fünfte von sechs Kindern geboren. Ich wuchs in einem liebevollen, zugleich aber freien Elternhaus auf. Meine Brüder behandelten mich als ihresgleichen, und der Abstand zu meiner acht Jahre jüngeren Schwester war zu gross. Also wuchs ich wie ein Junge auf. Ich war viel draussen unterwegs, die Natur und die Bewegung waren mir wichtig. Ich war sehr neu- und wissbegierig, stellte viele Fragen, wollte Zusammenhänge erfassen und suchte immer wieder nach Antworten, die, wenn ich sie von Menschen nicht bekam, oft in Büchern und nicht selten in der Natur selbst fand. Ich gab mich nie mit dem Erreichten zufrieden, sondern suchte ständig nach neuen Zielen und Herausforderungen - intellektuell wie sportlich. So bin ich mit achtzehn Jahren als kleine und leichte Person schon schwere Motorräder gefahren und habe das Diplom zur Skilehrerin gemacht und habe auch jahrelang für eine namhafte Firma Surfbretter getestet. Intellekt und Bewegung hielten sich so die Balance.

Ich bin gereist, habe in Zentralamerika mit Indianern zusammen gelebt, in der Karibik mit Schwarzen, war in Süd- und Nordamerika, im fernen Osten und auf Neuseeland. In Südafrika habe ich das Apartheitsregime kennen gelernt. Fast kein europäisches Land war vor mir sicher. In Italien und Spanien verbrachte ich auch einige Jahre meines Lebens.

Ich habe geheiratet und Kinder bekommen, deren drei. Meine Kinder waren für mich nie Besitz. Ich erfuhr bei den Indianern, dass man nichts besitzen kann, dass es einem nur für eine gewisse Zeit geliehen ist. Und so verstand ich meine Kinder immer als meine Lehrmeister. Sie haben mich gelehrt, deutlich hinzuschauen. Sie haben mich den Höhepunkt an Schmerz, aber auch an Glück und Liebe gelehrt. Sie waren für mich auch immer das grösste Wunder, das ich erleben durfte. Ihre Klarheit, ihre Schönheit, ihre Einfachheit, ihre Fülle, ihr Wille und ihr Streben hat mich immer wieder fasziniert und fasziniert mich heute noch.

Meine ältere Tochter war schon zehn, als ich erfuhr, dass sie Dinge sieht, die ich nicht sehe. Sie sah Regenbogenfarben um Menschen, Tiere und Pflanzen. Aber auch um Steine - kurz um alles, was uns umgibt. Nicht schlecht gestaunt habe ich, als ich erfuhr, dass auch die jüngere Tochter diese Regenbogenfarben sieht. Nur der Junge erzählte nichts von Farben, dafür las er in meinen Gedanken, und ich brauchte ihm die Dinge gar nicht erst zu sagen, als er sie schon wusste. Ich staunte und staunte und staunte. Und ich stellte noch mehr Fragen, als ich dies ohnehin schon tat.

Und so kam es, dass ich merkte, dass wir das Produkt unserer Umwelt sind. Dass wir denken, wir sind, was uns unser Umfeld sagt, wir sind. Schlimm wird dieses Denken da, wo wir denken, wir seien besser als die andern, unser Weg sei der einzig richtige und nur dieser Weg führe ans Ziel. Dieser Weg kumuliert in Abgrenzung, Nationalismus, Fundamentalismus, Trennung und Angst vor dem andern, und nicht selten führt er zum Krieg.

Ich beschloss also, das Wissen über mich und die Welt einmal abzuwerfen - ich entrümpelte meinen Kopf, und es entstand eine grosse Weite und Leichtigkeit. Und dann fand ich eine Gemeinsamkeit unter den Menschen: Den tiefen Wunsch nach Liebe und Frieden, Geborgenheit und Verständnis.
Ich erkannte, dass es das Denken über mich und die anderen ist, was mir das vermeintliche Recht gibt, zu urteilen, andere zu bedrohen, zu vernichten, zu unterdrücken. Und dass wir nie die Angst verlieren werden und der Krieg nie aufhört, wenn wir nicht unser Denken ändern - denn alles ist nur in unserem Kopf und das Produkt falschen Denkens - ein Mangel an Empathie und Verständnis.

Und ich fragte mich oft und ich frage mich heute noch, ob wir die Glücksfähigkeit unserer Kinder durch unsere Besserwisserei und unsere Schulmeisterei nicht eher zerstören. Auf jeden Fall hat es mich gelehrt, auf die Wege der Kinder zu achten und mit Ehrfurcht und Respekt an meine Kinder heranzutreten. Und dann - erst einmal lange zu lauschen, um zu hören, was sie zu sagen haben, bevor ich meine eigene Meinung kundtue, damit mir ja nichts entgeht und damit die vielen Möglichkeiten - ihre Wege - die Dinge anzugehen, nicht im Keim erstickt werden. Ich sah meine Kinder als mir ebenbürtig und achtenswert - nicht als etwas mir Verpflichtetes oder zu Gehorchendes, sondern als etwas, das mir auf einer kurzen Wegstrecke anvertraut ist, das ich in Würde und Anstand begleiten darf. Und so lernte ich auch andere Sichtweisen und Standpunkte kennen, und ich merkte, dass man die Welt von verschiedenen Seiten betrachten konnte - und dass es so die eine Wahrheit nicht geben konnte. Dass es aber wohl einen gibt, der die einzige Wahrheit ist und der alle Menschen liebt, gleich welcher Rasse, welcher Herkunft, welcher Religion, der keine Präferenzen hat, der auch nicht einteilt in Gut und Böse, der uns aber über alle Masse liebt. Und ihm gleich, dachte ich, sollten wir es auch tun.

Ich fing also an, Vieles in Frage zu stellen:
Als Kind nimmt man die Dinge als gegeben, allumfassend und wahr an. Man denkt, die eigene Welt sei auch die Welt der andern. Man glaubt, was einem gesagt wird. Und so werden Glaubenssätze verinnerlicht, und das Verhalten der Familie und Umgebung wirkt prägend und wird zu Mustern. Kein Kind hinterfragt diese Muster. So sagte man mir: Du hast Glück gehabt, in diese Familie hineingeboren worden zu sein, denn viele Kinder haben keine Eltern, kein Essen und keine Kleider. Ich war also dankbar für das Glück, das mir beschert wurde. Dann kam ich in die Schule und erfuhr, dass es ein Glück sei, Schweizer zu sein, denn nirgends auf der Welt sei die Schule besser und könnten die Kinder so gut lernen wie in der Schweiz. Wiederum war ich dankbar und glücklich, eine Schweizer Schülerin sein zu dürfen. Dann kam ich in die Kirche, und da erfuhr ich, dass ich ausgesprochenes Glück gehabt hätte, in die richtige Religion hineingeboren worden zu sein, denn ausschliesslich diese Religion wisse um die absolute Wahrheit, und nur hier sei mir das ewige Leben sicher. Ich war also ein überaus glücklicher Mensch!

Nun wollte ich hinaus, um all die unglücklichen Menschen und Länder kennen zu lernen. Ich wollte andere Kulturen, Sprachen und Menschen treffen und sehen, warum sie alle so unglücklich sein mussten. So kam es, dass ich viele Jahre unterwegs war. Und ich habe mit Staunen festgestellt, dass schon das erste Land, in das ich kam, alle meine Überzeugungen über den Haufen warf. Die Leute lachten, sie waren ausgesprochen fröhlich, sie trafen sich auf gemeinsamen Plätzen, spielten Boule, unterhielten sich, scherzten, schienen ausgesprochen gut genährt, und nackt liefen sie auch nicht herum. Ich schüttelte den Kopf; das Bild entsprach so ganz und gar nicht dem, was man mir gesagt hatte. Insgeheim beschlich mich ein ungutes Gefühl, und es keimte der leise Verdacht, die Leute hier seien ein Stück glücklicher als zuhause.

Gut, sagte ich mir, die Ausnahme bestätigt nur die Regel; wahrscheinlich werde ich im nächsten Land erkennen, dass man mir die Wahrheit gesagt hatte. Aber auch im nächsten Land fand ich keine Bestätigung dafür. Die Leute schienen mir glücklicher denn je. Ich reiste und reiste. Selbst im Land des Lächelns schienen sie sich nicht bewusst zu sein, der falschen Religion zu huldigen. Und wie ich so reiste, begegnete ich auf meiner Reise durch die Wüste einer Blume mit nur drei Blättern, einer ganz armseligen Blume...
"Guten Tag", sagte ich.
"Guten Tag", sagte die Blume.
"Wo sind die Menschen?", fragte ich.
Die Blume hatte vor einiger Zeit eine Karawane vorüberziehen sehen.

Und etwas später kam auch noch ein kleiner Junge vorbei, der dieselbe Frage gestellt hatte. "Die Menschen? Es gibt, glaube ich, sechs oder sieben und einen kleinen Jungen. Ich habe sie vor Jahren gesehen. Aber man weiss nie, wo sie zu finden sind. Der Wind verweht sie. Es fehlen ihnen die Wurzeln, das ist sehr übel für sie. Und weil sie immer unterwegs sind und nicht stillstehen, finden sie sich nie."
"Adieu", sagte ich.
"Adieu", sagte die Blume.
Sie rief noch etwas hinterher, nur der Wüstenwind verzerrte ihre Stimme, so dass ich nicht weiss, was sie mir noch sagen wollte.

Und so gleicht mein Leben einer spannenden Reise und einer steten Herausforderung. Ich versuche, Gut und Böse in Dankbarkeit anzunehmen - anzunehmen, was ist. Denn oft schon hat sich das Böse im Nachhinein als gut erwiesen und umgekehrt. So bin ich also unterwegs, auf der Suche nach dem verlorenen Glück und auf der Suche nach der Wahrheit.