Heutige Eltern ertragen kein Protestgeheul – Erziehungsexperten fordern mehr Führungt

Weg vom süssen Erziehungsstil: Warum trauen sich Eltern oft nicht, Regeln durchzu-setzen, und versuchen stattdessen, zu verhandeln? Eine Erziehungsexpertin erklärt.

An dem Tag, an dem mein 3-jähriger Sohn fragte: «Isch es o. k., wenn ich use go, go spile?», begann ich mir Gedanken zu machen. Die Türe zum Garten stand offen. Er wusste doch, dass er eigentlich immer rausgehen darf (wenn er die Schuhe anzieht). Warum sagte er nicht: «Ich geh nach draussen um zu spielen» oder von mir aus «Darf ich rausgehen?» Noch verwirrter war ich, als ich die Kinder untereinander sagen hörte: «Ist es o. k., wenn ich das hier ausmale?» Bis ich merkte, dass auch die Eltern ihre Kinder fragten: «Ist es o. k., wenn ich schnell einkaufen gehe?»

Ich erinnere mich, wie sich meine Mutter früher lustig machte über andere Mütter, die ihre Kinder in der Migros fragten: «Welches Joghurt möchtest du?» Die Eltern von heute sind noch extremer: Sie fragen um Erlaubnis, bevor sie einkaufen gehen aus Angst, das Kind könnte zu schreien beginnen.

«Wir befinden uns heute in der Zeit der Überbetreuung, extremen Umsorgung, der Harmonie und des Trostes», sagt die Bernerin Rita Messmer. Sie ist Erziehungsexpertin ohne Uni-Abschluss, aber mit viel Praxiserfahrung. Bekannt ist sie für ihre Methode, die Kinder ohne Windeln aufwachsen zu lassen. Nun trifft sie mit ihrem Buch «Der kleine Homo sapiens kann’s» einen wunden Punkt in der heutigen Erziehung: Eltern reden zu viel. «Sie werben damit beim Kind um Verständnis und Entgegenkommen. Sie schieben die Erziehungsverantwortung ab», so Messmer. Eltern wollen dem Kinde nicht wehtun, sie wollen nicht die Bösen sein und unbedingt vermeiden, dass das Kind frustriert oder wütend ist. Deshalb texten sie es zu. «Dabei achtet der kleine Homo sapiens viel mehr auf das Verhalten als auf Gesprochenes», ist Messmer überzeugt.

Wir Erwachsenen leben in einer Zeit, in der keine strengen Normen mehr gelten. Zum Glück. Es ist eine Errungenschaft der offenen, demokratischen Gesellschaft: Menschen mit verschiedenen Ansichten und Lebensentwürfen leben auf engem Raum zusammen. Meinungsverschiedenheiten auszudiskutieren und die Sicht des anderen zu verstehen, gehört dazu, in Beziehungen und unter Freunden. Aber bitte nicht mit den Kindern! Die brauchen dringend klare Regeln.

Dass kleine Kinder nicht über die kognitive Ebene erreichbar sind und noch gar nicht vernünftig sein können, ist eigentlich bekannt. Aber gerade gebildeten Eltern fällt heute oft nichts anderes ein als zu reden. Dem zweijährigen Jungen in unserer Siedlung, der noch immer lustvoll andere Kinder an den Haaren reisst, wird ein ums andere Mal gesagt: «Das darfst du nicht, das tut weh!» Es beeindruckt ihn nicht. Er erfreut sich am Rummel, den er verursacht. «Ich sage die Sachen grundsätzlich nur einmal, und dann handle ich», sagt Messmer, «ich mache das, was jetzt angezeigt ist.» Mit dem Jungen also sofort den Spielplatz verlassen und heimgehen. Diskutieren, aber auch schimpfen, so ist sie überzeugt, bewirkt in diesem Fall nur Aufmerksamkeit, also das, was Kinder anstreben. «Das Kind fühlt sich gut, es wird mit Glückshormonen geflutet, auch wenn die Eltern wütend sind.»

Zu viel des Guten

Warum trauen sich Eltern oft nicht, Regeln durchzusetzen, und versuchen stattdessen, zu verhandeln? «Wir kommen in Europa aus einer kinderfeindlichen Kultur, Kinder wurden lange gezüchtigt», sagt Rita Messmer, «als man die schwarze Pädagogik hinter sich liess, kamen Theorien von Montessori, das Laisser-faire, die bedürfnisorientierte Erziehung.» Diese Entwicklungen seien alle gut gewesen und wichtig. Messmer findet es gut, dass die Säuglinge heute viel näher bei ihren Eltern sind und so in den ersten Lebensmonaten sicher gebunden werden. Und dass Eltern auf ihre Kinder eingehen. «Aber die Führung ging dabei verloren. Die Hierarchie zwischen Kind und Eltern hat sich teilweise sogar gekehrt. Kinder dominieren Eltern, weil diese die falschen Signale aussenden.»

Sie sagen dann «bitte», weil sie sich erhoffen, dass die Kinder sich dann wie die Eltern verhalten. Messmer findet das absurd: Kinder sind nicht auf gleicher Höhe wie die Eltern. Eine Bitte kann man ablehnen.

Übernehmen die Eltern nicht die Führung, dann verunsichert das die Kinder nicht nur, es stresst sie auch. «Sie versuchen schreiend und tobend ihr Umfeld selbst unter Kontrolle zu halten», sagt Messmer. «Und die Kinder entdecken, dass sie Macht über ihre Eltern haben.»

Die 64-jährige Bernerin, dreifache Mutter, gelernte Arztgehilfin und heute Cranio-Sacral-Therapeutin ist nicht die Einzige, welche wieder mehr Führung in der Erziehung fordert. Jesper Juul, der dänische und in Nordeuropa wohl bekannteste Erziehungsexperte, hat schon vor zwei Jahren das Buch «Leitwölfe sein» herausgebracht. Der 70-jährige Juul hat wie Messmer viel Fantasie und Einfühlungsvermögen. Sie sind beide Anwälte der Kinder. Sie sehen hinter dem schwierigen Kind die verunsicherten Eltern.

Auf die Frage, warum sich Eltern davor scheuen, zu führen, hat Juul gegenüber der «NZZ» gesagt: «Viele Eltern fürchten, ihre Kinder zu verletzen oder ihnen Schaden zuzufügen. Deshalb gleiten sie in einen süsslichen Erziehungsstil über, indem sie versuchen, die Kinder ständig zu überreden und zu überzeugen.» Das mache aber nicht den geringsten Eindruck auf die Kinder. Und das wiederum treibe die Eltern nach einigen Jahren in den Wahnsinn und die Kinder würden selber genauso verloren, gestresst, unzufrieden und frustriert wie ihre Eltern.

Was also tun? Zurück zur autoritären Erziehung und zur Körperstrafe? Nein, natürlich nicht. Lucien Criblez, Professor für Historische Bildungsforschung an der Uni Zürich, sagt dazu: «Man kann das Rad nicht zurückdrehen zu Verhältnissen vor 1970. Wir leben heute in einer liberaleren Gesellschaft mit weniger strikten Normen, weniger Autoritäten und weniger autoritärer Erziehung.» Die Kinder spüren automatisch, dass vieles verhandelbar ist. Das ist das Grundproblem der Eltern einer komplexen Gesellschaft. Das sieht auch Elmar Anhalt so, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Bern. Doch er sagt: «Kinder brauchen gerade deswegen immer wieder Zonen der Geborgenheit, die ihnen stabile Wertvorstellungen und Gewohnheiten vermitteln.» Meist ist das die Familie, wo einfach mal strikt etwas gilt, auch wenn es vielleicht rundherum anders gemacht wird.

Gestresste Eltern, gestresste Kids

In Deutschland ist zurzeit die Erziehungs-Klinik Bergmannsheil in aller Munde, weil sie Kinder und ihre Eltern behandelt, wenn alles aus dem Ruder gelaufen ist. Co-Leiter Dietmar Langer sagte am Donnerstag gegenüber dem «Tages-Anzeiger»: «Wir haben heute viel mehr Schlaf- und Regulationsstörungen als vor 10 bis 15 Jahren.» Er erklärt sich das mit mehr Stress in der Gesellschaft und dass die Eltern weniger in sich ruhen als früher.

Messmer trainiert mit ihren Klienten die Gelassenheit und weniger Aufmerksamkeit. «Aus meiner Therapiepraxis kann ich sagen: Je mehr die Eltern sich verantwortlich fühlen, ihre Babys oder Kleinkinder bei Laune zu halten, umso häufiger schreien sie, haben Wutanfälle, instrumentalisieren ihre Eltern. Und das wird mit zunehmendem Alter immer schlimmer.» Je gelassener die Eltern seien – und das habe mit Gleichgültigkeit nichts zu tun –, desto ruhiger, fröhlicher und stimmiger seien die Babys. Dafür plädiert auch die Schweizer Erziehungswissenschafterin Margrit Stamm in ihrem Buch «Lasst die Kinder los, warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht».

Aber woher Gelassenheit nehmen, wenn man überfordert ist? «Das geht schon», findet Messmer, «Schritt für Schritt.» Den Salat fertig waschen, wenn das Kind quengelt. Den Schoppen in aller Ruhe zubereiten. Nicht fragen, welches Joghurt die Kinder möchten. Sondern einfach einkaufen. Wenn das Kind im Laden eine Szene macht, den Lärm aushalten. Und immer daran denken: Später wird es das Kind danken.

Handeln statt tadeln: 7 Ideen, wie Eltern reagieren können

Rita Messmer gibt in ihrem Buch «Der kleine Homo sapiens kann’s» zahlreiche Tipps für den Alltag. Sie sagt, sie würden ihr intuitiv einfallen, wenn sie sich in die Kinder hineinfühle. Ihr Buch ist nicht wissenschaftlich, aber praktisch, originell und einleuchtend. Da nimmt man es ihr nicht übel, dass manche Vergleiche hinken oder sie sich wiederholt. Die Grundidee wird klar: Kinder profitieren davon, wenn man sie machen lässt. Wenn man ihren Frust aushält. Gelassen bleibt. Handelt statt nörgelt.

1.  Das Brillen-Theater

Babys lieben Brillen und greifen den Eltern ins Gesicht, sobald sie das können. Man soll weder tadeln, noch die Brille abnehmen, noch genervt werden. Sondern das Baby kommentarlos auf den Boden setzen und, falls es frustriert zu weinen beginnt, warten, bis es aufhört. Das muss man höchstens noch ein zweites Mal machen, danach lässt das Baby die Brille in Ruhe. «Sie sind darauf programmiert, solche Signale sofort zu verstehen, bei Babys reicht es oft sogar schon, den Blick abzuwenden damit es künftig etwas nicht mehr tut», sagt Messmer.

2. Der Entdeckerdrang

Wo sich das Kind nicht verhält, war wohl der Entdeckerdrang mal wieder stärker. Wenn das Baby das Büchergestell ausräumt (und man das nicht möchte), dann soll man das Baby auf den Schoss nehmen und festhalten. Dann beginnen Kinder oft zu weinen, weil sie gerade jetzt eben entdecken möchten. Das Weinen gilt es abermals auszuhalten. Nur so lernen sie, sich selbst zu regulieren.

3. Frech angelacht? Nein!

Tadeln Eltern einen Einjährigen, so lacht er sie nicht selten an – was schon manch einer als Provokation verstanden hat. «Dabei versucht das Kind bloss, den Vater oder die Mutter auch zum Lachen zu bringen», erklärt Messmer. «Es sieht das böse Gesicht und versucht, Sie umzustimmen.» Denn es hat doch gerade entdeckt, dass man die Topferde verstreuen kann. Also nicht schimpfen, sondern gelassen das Kind zu sich nehmen und festhalten.

4. Humor für Undankbarkeit

Eltern haben ihrer fünfjährigen Tochter das Zimmer mit Liebe neu eingerichtet. Die Kleine kommt herein, zeigt missmutig auf den roten Teppich und sagt: «Igitt, den will ich nicht.» Statt aggressiv zu werden, können die Eltern Humor zeigen, die schlechte Stimmung des Kindes ignorieren und sagen: «Hey, komm doch gerade noch mal rein.» Wenn das Kind den Wink nicht versteht, können sie fragen: «Soll ich es dir vormachen?» Ein Elternteil geht raus, kommt herein und sagt: «Wow, megaschön, danke Mami und Papi.» Die Person umarmt den verbleibenden Elternteil und sagt zum Kind: «Jetzt du!» Versteht das Kind immer noch nicht: Die Zimmermöbel wieder abbauen und bis auf weiteres im Keller verstauen.

5. Tischdecken verweigert

Die Mutter ruft ihren Sohn zum Tischdecken. Dieser ignoriert den Befehl. Die Mutter ruft kein zweites mal, sondern deckt den Tisch selber. Den Teller für den Sohn lässt sie im Schrank. Als der Bub erscheint, sagt sie (ohne Häme): «Ich dachte, du hättest keinen Hunger.» Diesmal kann er seinen Teller noch holen. Beim zweiten Mal würde er ohne Essen ausgehen, bis zum Znacht wären nur Früchte erlaubt, nichts Sättigendes.

6. Fluchwörter verbrennen

Die Fluchwörter der Kinder kann man auf ein Papier schreiben und vor ihren Augen verbrennen. Messmer findet: Im Haus gibts keine Fluchwörter, was die Kinder ausserhalb machen, kann sie nicht kontrollieren.

7. Ungestört telefonieren

Messmer hat mit ihren Kindern vereinbart, dass sie eine lustige Fratze macht, wenn sie beim Telefonieren nicht gestört werden will. Die Abmachung habe funktioniert.

 

Die Methode Messmer braucht viel Kreativität. Und Humor: Manchmal hat sie die Kinder einfach ausgekitzelt, um die schlechte Stimmung zu durchbrechen.

Aargauer Zeitung, 17.11.2018
17.11.2018
Sabine Kuster