Kindern soll mehr zugetraut werden

Die Autorin Rita Messmer hat einen neuen Erziehungsratgeber verfasst:«Der kleineHomo sapiens kann’s». Dabei setzt sie auf die natürliche Kompetenz und Selbständigkeit von Kindern.

Interessant erzählt Rita Messmer aus Faoug von ihren vielen Reisen rund um den Globus, vom Leben mit anderen Kulturen und von den Erkenntnissen und Erfahrungen, die sie dabei gemacht hat. Auffallend dabei: der harmonische und so ganz selbstverständliche problemlose Umgang mit Kindern. Ob in Schwarzafrika, bei den Indianern, in Indonesien oder bei den Mongolen, der Umgang mit Kindern ähnelte sich fast wie ein Ei dem andern.
Rita Messmer arbeitet heute als Craniosacral-Therapeutin mit eigener Praxis und ist Mutter von drei Kindern. Mehrere Erziehungsratgeber stammen aus ihrer Feder. Sie ist die Urheberin und Begründerin der frühen Reinlichkeit bei Säuglingen, heute eher unter dem Begriff «windelfrei» bekannt. Die Biologie ist das Fundament ihres Schaffens und Arbeitens. Dabei dienen ihr die Reformpädagogin Maria Montessori und
Jean Liedloff, die durch ihre ethnologischen Feldbeobachtungen berühmt wurde, als Leitlinien. Im neusten Werk steht vor allem das soziale und regulative Nervensystem im Mittelpunkt. Messmer zeigt, dass überall, wo eine Lebensgemeinschaft besteht, ein soziales Nervensystem dafür sorgt, dass das soziale Miteinander funktioniert. Dieses sei darauf angewiesen, die richtigen Impulse zu bekommen. Die westlichen Menschen meinen nun oft, sie müssten einfach die Bedürfnisse ihres Säuglings decken und besonders lieb und nett sein, und dann entwickle sich ein gutes Kind.

Schnell kommt die Erfahrung, dass dem nicht so ist. Messmer erklärt, dass ein soziales Nervensystem dafür verantwortlich ist. Kinder spüren, dass ihre Eltern keine Führung übernehmen, das macht sie selber unsicher die Folge ist innerer Stress, die Auswirkung Renitenz. Alles eine Folge davon, dass wir nicht wissen, welche Impulse ein soziales Nervensystem braucht, sagt Messmer. Die Eltern reden, geben Zuwendung da, wo sie sich biologisch abwenden sollten, überlassen die Führung ihrem Kind, um ja nicht «böse» sein zu müssen. Darauf reagiere das Kind mit grosser Verunsicherung, das heisst mit Stress, weil es keine klare Ordnung, keine Orientierung erkennen kann. Das regulative System reagiert, die Kinder schreien, toben, wüten, was die Eltern wiederum verunsichert.

Das alles müsste nicht sein, erklärt Messmer, wenn wir mehr über die biologischen Zusammenhänge wüssten. Wir können allein nicht überleben. Überall in der Biologie, wo ein sozialer Verbund besteht, ist das Überleben der gesamten Gemeinschaft, der Herde, des Rudels darauf angewiesen, dass das soziale Gefüge eine Ordnung und Orientierung hat. Messmer ist überzeugt: «Heutige Eltern wollen schon dem Kleinkind Freiheit und Selbstbestimmung geben – sie sehen nicht, dass sie das Kind damit überfordern, verunsichern und in die Renitenz treiben.» Es sei folglich ein Bedürfnis des Kindes, dass wir führen, dass die Eltern das Sagen haben, dass sie Orientierung geben. Wie das auf biologischer und natürlicher Ebene erfolgt ohne Druck und Macht, davon handelt das neue Buch von Rita Messmer. 

Murtenbieter
01.03.2019
Hans Thomas